Sandras Abkürzung

Sandra ächzte leise. Die Blasen an den Füßen. Das linke Knie und die Wade. Schweiß troff ihr von der Stirn. Beim Wandern kann frau nicht damenhaft transpirieren. Rudi war ihr wie üblich acht Meter voraus. Trotz des Rucksacks munter ausschreitend und jene Art penetranter Heiterkeit absondernd, die er in kurzen Hosen stets an den Tag legte. Nun fing er zu allem Elend auch noch an zu singen. Falsch und laut. You are my sunshine…

Sie träumte von den Malediven. Von Palmen, Sandstränden, lauwarmem, türkisem Wasser und einem kühlen Cocktail. Mit Rudolf würde das nie etwas. Nicht mehr in diesem Leben.

Als sie ihm begegnet war, hatte das noch anders ausgesehen. Er war zwar kein Brad Pitt gewesen, aber hatte noch nicht ständig diese idiotische Shorts getragen und acht Kilo weniger gewogen.

Er war zehn Jahre älter als sie, verwitwet, und lebte in einer erfreulich aufgeräumten, etwas sterilen Eigentumswohnung, beschäftigte nur angemeldete Kräfte und besaß jene spröde norddeutsche Art, die Zugereiste gern mit Solidität verwechseln. Damals hatte sie ihm tatsächlich zugetraut, die Reinigungsfirma wieder auf Vordermann zu bringen. Zeitweilig hatte sie sich sogar eingeredet, sein kräftiges Kinn strahle Willenskraft aus.

Eines Abends vor knapp zwei Jahren, zu Kerzenschein und Rotwein, hatte er sie gebeten, ihn zu heiraten. Geknüpft an das Angebot, bei ihm einzusteigen. Den Ausschlag hatte die Wohnung gegeben. Die war schon abbezahlt. Sechsundachtzig Quadratmeter in Hamburg-Horn. Ein Altneubau aus den späten Siebzigern. Vierter Stock mit Balkon. Citynah.

Lange her.

Inzwischen verfluchte sie das Teil. Sie nannte es im Stillen „die Leimrute“. Denn Rudi hatte sich in jeder Hinsicht als Reinfall erwiesen. Nicht nur, dass ihm längst das letzte Haar ausgegangen war, die Firma vor sich hin dümpelte und er geschäftlich so viel Elan entwickelte wie ein Paar eingeschlafene Füße. Obendrein benutzte er Discounter-Rasierwasser, das von Rechts wegen als chemischer Kampfstoff verboten gehörte, und, was weit schlimmer war, er hatte sich als leidenschaftlicher Wanderer entpuppt.

Es begann mit der Hochzeitsreise. Rudi wollte nicht wie andere normale Menschen nach Mallorca, Mauritius oder auf die Malediven, sondern ins Vogtland. Sandra war von jeher eher der Typ für Strandurlaub gewesen, und wusste nicht, wie ihr geschah, als er ihr strahlend ein Paar Trekking-Sandalen präsentierte.

 

Publicités